Auditive Wahrnehmung

Der Verdacht auf eine auditive Wahrnehmungsstörung (AWS) entsteht aus ganz unterschiedlichen Beobachtungen: Kinder, die nicht gut zuhören oder Sprache verstehen können, Kinder mit Aufmerksamkeits- oder Lernschwierigkeiten, Kinder mit Verhaltensproblemen und Kinder mit Hörstörungen und Sprachentwicklungsstörungen.

Unsere interdisziplinäre Arbeitsgruppe beschäftigt sich seit mehr als 10 Jahren mit der auditiven Wahrnehmung.

Unter auditiver Wahrnehmung verstehen wir die Gesamtheit aller zentralnervösen Prozesse, die der Erfassung, der Weiterleitung und der Verarbeitung von akustischen Signalen dienen. Das Hörvermögen ist dabei normal.

Modulation der auditiven Wahrnehmung:
Bottom-up-Prozesse durch aufsteigende Signalverarbeitung in der zentralen Hörbahn, auf verschiedene Zellformationen und Leitungsbahnen verteilt, serial und parallel verarbeitend, mit zunehmender Komplexität der Verarbeitung.
Top-down-Prozesse durch Vigilanz, Aufmerksamkeit, Emotion und Gedächtnis.

Manche dieser Funktionen beginnen bereits im Innenohr (Cochlea). Als Verarbeitung werden oft die Weiterleitung und die basale Verarbeitung in der Hörbahn bezeichnet, während Wahrnehmung als ein Teil der kortikalen Analyse auditiver Informationen gesehen wird. Der augenblickliche Wissensstand erlaubt aber weder funktionell noch anatomisch eine klare Trennung zwischen Verarbeitung und Wahrnehmung. Wir sprechen daher nur von auditiver Wahrnehmung.

Zur auditiven Wahrnehmung gehören

  • die Analyse nichtsprachlicher Signale (Töne, Geräusche)
  • die Analyse sprachlicher Signale auf der Ebene von Lauten und Silben
  • die phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne.


Phonologische Bewusstheit im engeren Sinne: Fähigkeit, Sprache als aus unterschiedlichen lautlichen Einheiten bestehend wahrzunehmen.
Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne: Wahrnehmung auf der Ebene von Silben, Reimen und Wörtern.
Ob die Phonologische Bewusstheit eine Teilfunktion der Auditiven Wahrnehmung ist, ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Weitgehende Einigkeit besteht darin, die Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne zur Auditiven Wahrnehmung zu rechnen.

Die auditive Wahrnehmung zeigt fließende Übergänge zum Sprachverständnis und zur Kognition und damit zum Lernen. Unscharf definiert ist auch die Grenze zwischen auditiver Verarbeitung und auditiver Wahrnehmung. Die Autoren der American Speech and Hearing Association (ASHA) sprechen von Auditory Processing Disorder (APD) und verstehen darunter "...Deficits in the processing of auditory information in the central nervous system (CNS) as demonstrated by poor performance in one or more of the following skills: sound localisation and lateralisation; auditory discrimination; auditory pattern recognition; temporal aspects of audition including temporal integration, temporal discrimination (e.g., temporal gap detection), temporal ordering, and temporal masking; auditory performance with competing acoustic signals (including dichotic listening); and auditory performance with degraded acoustic signals" (ASHA -Working Group on Auditory Processing Disorders (2005a): (Central) Auditory Processing Disorders (Position Statement). Damit wird auditive Verarbeitung im Wesentlichen als die Erfassung, Weiterleitung und Analyse akustischer, nichtsprachlicher Signale verstanden. Von dieser sehr restriktiven Definition unterscheidet sich die Leitlinie der kalifornischen Speech-Language-Hearing Association (2007) durch einen eher klinischen und pragmatischen Ansatz.

Wir sind hingegen in Übereinstimmung mit dem Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie DGPP) von 2010 der Ansicht, dass die Verarbeitung und die Wahrnehmung sprachlicher Signale einen wesentlichen Teil der Funktionen auditiver Wahrnehmung darstellt (siehe dazu auch http://www.phoniatrie-paedaudiologie.com/Informationen/auditive%20Wahrnehmung/auditiveWahrnehmung-Infos.html .

In der Diskussion bleibt auch, ob die Speicherfähigkeit des auditiven Kurzzeitgedächtnis Teil der auditiven Wahrnehmung darstellt, da ja Kinder und Jugendliche mit Störungen der auditiven Wahrnehmung sehr häufig auch eine Speicherschwäche für Zahlen- und Silbenfolgen haben. Ähnlich wie bei der Sprachentwicklungsstörung gehen die neurobiologischen Modelle davon aus, dass der Kurzzeitspeicher eine eigene Funktion oder ein Teil der top-down-Regulation darstellt. Dafür spricht auch, dass Kurzzeitgedächtnis im Rahmen eine Wahrnehmungstherapie nicht als isolierte Funktion geübt werden kann. Die Gedächtnisfunktion spielt jedoch auch in der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung eine solch bedeutsame Rolle, dass sie im Rahmen der Diagnostik immer miteinbezogen werden sollte.

Funktionen der auditiven Wahrnehmung

Die auditiven Wahrnehmungsfunktionen sind äusserst vielfältig und komplex. Ihre Verarbeitung erfordert unterschiedliche kognitive Fähigkeiten und Aufmerksamkeit. Eine anatomische Lokalisation gelingt oft nur unbefriedigend. Mehrere Funktionen werden in unterschiedlicher Weise für das Sprachverständnis genutzt. Trotz der hohen Komplexität haben wir versucht, tabellarisch eine Übersicht über die wichtigsten Funktionen zu erstellen und die Auswirkungen einer Störung auf den Alltag zu skizzieren.

Wichtige Funktionen sind
  • die Lautheitsempfindung,
  • die Lautstärkeunterscheidung,
  • die Tonhöhenunterscheidung,
  • die zeitliche Verarbeitung,
  • die Beidohrigkeit,
  • die Lautunterscheidung
  • die Störschall-Nutzschall-Separation.

Eine ausführliche tabellarische Darstellung der Funktionen der auditiven Wahrnehmung haben wir für Sie zusammengestellt.

Symptome einer auditiven Wahrnehmungsstörung

  • Geräuschüberempfindlichkeit,
  • Verwechseln oder Vertauschen ähnlich klingender Laute,
  • mangelhaftes Lokalisieren einer Schallquelle,
  • mangelhaftes Sprachverständnis bei lautem Geräuschhintergrund,
  • Überhören von Ansprache,
  • schlechtes Sprachverständnis bei schnell gesprochenen Sätzen,
  • mangelhafte Fähigkeit von Lauterkennung und Lautverschmelzung
  • visuelle Informationen werden bevorzugt und leichter verarbeitet als akustische,
  • Kinder sind beim Verstehen von Sprache auf das Mundbild angewiesen,
  • Schwierigkeiten beim Telefonieren aufgrund der reduzierten akustischen Signalqualität,
  • sekundäre psychische Symptome, oft ruhige und zurückgezogene Kinder und Jugendliche.

Störung der auditiven Wahrnehmung

  • Mind. zwei Funktionen der auditiven Wahrnehmung sind außerhalb der alters- und geschlechtsabhängigen Normen
  • Die Störung verursacht alltagsrelevante Beeinträchtigungen
Voraussetzung sind eine normale Intelligenz und ein normales peripheres Hörvermögen.

Verschiedene Funktionen der auditiven Wahrnehmung können auch bei  Erkrankungen oder bei komplexen Entwicklungsstörungen beeinträchtigt sein: bei mentaler Retardierung oder Lernstörung, bei einer schweren Hörstörung, bei einer Sprachentwicklungsstörung oder einer Aufmerksamkeitsstörung.

Verwandte Begriffe: Hörverarbeitungsstörung, zentral-auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung (ZAWS), zentrale Hörstörung, zentrale Fehlhörigkeit. Manchmal wird zwischen einer Verarbeitungs- und einer Wahrnehmungsstörung unterschieden.


Auf dieser Seite können wir unsere Beschreibungen und unsere Erfahrungen zum Thema Auditive Wahrnehmung nur kurz umreissen. Sie finden hier unser ausführliches Positionspapier (2013)

Diskussion:
Weder wird die Begrifflichkeit von Auditiver Wahrnehmung einheitlich gebraucht (nicht einmal national), noch gibt es einen Diagnose-oder Therapiestandard. Zudem sind die Grenzbereiche zur Sprachstörung, zur Lernstörung oder zur Aufmerksamkeitsstörung naturgemäß unscharf, wenn man über Wahrnehmung spricht. Eine interessante und typische  Diskussion zu diesem Thema führten Prof. von Suchodoletz (München) und Herr Flöther (Oldenburg) in der Mailing-Liste Sprachstörung. Hier ist der Wortlaut.  Die Stellungnahme von Dr. Nikisch (München) können Sie ebenfalls hier einsehen. Auszugsweise hier noch der wichtige Satz: "Darüber hinaus ist eine eingehende Untersuchung der rezeptiven und expressiven Sprachkompetenz entscheidend und unverzichtbar, um zu klären, ob die Störung vorrangig im auditiven oder vorrangig im sprachlichen Bereich liegt oder beide Bereiche betroffen sind.  In der AWMF-Leitlinie "Auditive Verarbeitungs- und Wahrnhehmungsstörungen" der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie von 2010 nähern sich die Standpunkte unserer Arbeitsgruppe und der DGPP einander an. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Auditive Wahrnehmung finden Sie auch bei von Suchodoletz: Kinder mit Verdacht auf auditive Wahrnehmungsstörungen. Vorgehen in der Praxis. pädiat. prax. 73, 387-396 (2009), Und: Zur Bedeutung auditiver Wahrnehmungsstörungen für kinder- und jugendpsychiatrische Störungsbilder. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie Psychotherapie, 37, 163-172 (2009)

Prävalenz der auditiven Wahrnehmungsstörung

Die Häufigkeit der auditiven Wahrnehmungsstörung ist nicht genau bekannt, u.a. wegen der uneinheitlichen Definition. Bei Erwachsenen geht man von bis zu 10% aus, bei Kindern schwanken die Angaben zwischen 2 und 7%. Jungen scheinen etwa doppelt so häufig betroffen zu sein wie Mädchen.

Differentialdiagnose
  • Rezeptive Sprachentwicklungsstörung
  • Geistige Behinderung oder Lernbehinderung
  • Hörstörung
  • Genetische Erkrankung, z.B. Williams-Syndrom
  • Autismus-Spektrum-Störungen
Komorbidität

Nicht selten besteht eine Komorbidität zu folgenden Störungsbildern:

• Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ADS, ADHS)
• Sprachentwicklungsstörung
• Allgemeine Schulleistungsschwächen
• Spezifische Lernstörungen, besonders Lese-Rechtschreibstörung (LRS)
• Störung der sozialen Adaptation
• Emotionale Störungen
• Schulangst, Schulunlust

Auditive Wahrnehmung und AD(H)S

Aufmerksamkeitssteuerung und Wahrnehmung sind unterschiedliche Bereiche mit unterschiedlichen Funktionen. Sie ergänzen sich wirkungsvoll und sind in ständigem Wechselspiel miteinander, wie auch mit Gedächtnisleistungen. Es ist oft nicht ganz einfach, Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstörungen voneinander zu trennen. Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit haben oft gleichzeitig auch eine Wahrnehmungsstörung. Gesicherte Angaben über die Häufigkeit des Zusammentreffens beider Störungen (Komorbidität) gibt es nicht. Einige Arbeiten gehen von 20% der betroffenen Kinder aus (nähere Angaben siehe Rosenkötter: Auditive Wahrnehmungsstörungen; 2003, S 162 ff.).

Folgende Funktionen der auditiven Wahrnehmung sind bei Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S besonders häufig betroffen:
  • Lautheitsempfindung (Hyperakusis),
  • Zeitliche Verarbeitung,
  • Beidohriges, dichotisches Hören,
  • Störschall-Nutzschall-Filter (besonders häufig).

Statistisch nicht häufiger betroffen als bei anderen Kindern sind diese Funktionen: Tonhöhen erkennen und unterscheiden, Lautdiskrimination, Räumliche Hören, Richtungshören, reduzierte akustische Signale.

Welche Beobachtungen machen Eltern, Therapeuten und Pädagogen häufig?
  • Konzentriert sich nicht
  • Kann sich nicht leicht etwas merken
  • Kann bei Ablenkung durch Nebengeräusche nicht mehr konzentriert arbeiten
  • Hört anderen beim Erzählen nicht gut zu
  • Lässt sich vom Zuhören leicht ablenken
  • Vergisst oft Anweisungen
  • Macht scheinbar sorglos Fehler

Bobachtungen, die eher für ein AD(H)S als für eine Wahrnehmungsstörung sprechen:

Unaufmerksamkeit
  • Kann bei Anweisungen und Handlungen nicht lange bei der Sache bleiben
  • Kann Handlungen und Aufgaben nur schlecht organisieren
  • Kann nicht nachhaltig nachdenken
  • Verliert häufig Gegenstände
  • Ist auch bei täglich wiederkehrenden Verrichtungen nachlässig und vergesslich
Unruhe
  • Wackelt und zappelt unruhig
  • Steht beim Essen oder in der Klasse unvermittelt oder vorzeitig auf
  • Rennt, klettert oder bewegt sich unablässig
  • Kann sich schlecht an Stillarbeiten oder ruhigen Tätigkeiten beteiligen
  • Wirkt oft wie „aufgezogen“, immer „auf dem Sprung“
  • Spricht unablässig
 Impulsivität
  • Antwortet vorschnell oder unüberlegt
  • Kann nicht warten, bis er/sie an der Reihe ist
  • Unterbricht andere
  • Scheint sich immer sofort mit Reden oder Handeln in den Mittelpunkt stellen zu wollen
  • Drängt nach sofortiger Erfüllung von Wünschen

Für die Therapie auditiver Wahrnehmungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit ADS sind folgende Fragen besonders wichtig:
  • Welcher Bereich ist vorrangig oder symptomrelevant?
  • Besteht Leidensdruck, beseht eine Krisensituation?
  • Muss beides behandelt werden?
  • Soll nacheinander behandelt werden?